Alle fragen mich wie es mir geht. Seit Monaten suche ich die richtigen Wörter meine Gefühle beschreiben zu können. Dabei hat mir Frau Petra Wiechel und Helma Brandenburger sehr viel geholfen. Ich fühle mich eben genau so wie sie es beschrieben hat.
Ich glaube nicht dass ich schon in die Ja Phase bin, aber mit diese Gedanken starte ich meine Weltreise. Mich wieder öffnen zu können, Ja sagen zu können, und das ganze was geschehen ist als eine wertvolle Lektion als innerer Reife betrachten zu können. Ich hoffe irgendwann nur Dankbarkeit zu fühlen um das alles was ich von ihm bekommen, gelernt habe und mit Ihm erleben durfte.
„Nie mehr und das für immer
Wenn ich um Dich weine, weine ich eigentlich um mich, um den Verlust Deiner selbst, der mich arm gemacht hat.
Geblieben ist mir die Erinnerung an das, was wir miteinander erlebt haben. Es ist schmerzlich, selbst in seinen Erinnerungen allein zu sein. Auch sie sind ja ein Teil von Dir, weil sie mit Dir Erlebtes und Erfahrendes sind. Ohne Dich gäbe es diese Erfahrungen nicht, gäbe es wohl andere mit anderen Menschen, doch meine Erinnerungen haben mit Dir zu tun und das macht sie so schmerzlich für mich.
Solange man beieinander ist, ahnt man nichts von Ausmass des allein gelassen seins. Es ist sträflicher Leichtsinn, wenn man sie Gegenwart des anderes als Selbstverständlichkeit hinnimmt. Wie ein wertvoller Schatz niemals zur Belanglosigkeit verkümmern darf, so hätte Dir sicher mehr Bedeutung als dem kostbaren Schmuck meiner Jahre gebührt. Nun, da ich Dich für immer verloren habe, beklage ich meine Not meiner grau gewordenen Tage.
Oft will mir der Bissen Brot im Halse stecken bleiben, wenn ich unter Tränen allein am Tisch sitze. Einmal habe ich gelesen, dass jemand den Tisch für zwei gedeckt hat, obwohl der andere nicht mehr da war. Das habe ich auch gemacht, wechselseitig auf Deinen und meinen Platzt gesetzt, habe mit Dir gesprochen und getan, als wärst Du noch bei mir.
Aber dann kam es mir wie Selbstbetrug und Theater vor, und ich wurde wütend auf mich, weil ich nicht problemloser mit der Wirklichkeit zurechtkam. Mein Verstand und meine Gefühl liegen oft in Fehde miteinander. Der Verstand hat das Unabänderliche eingeordnet, wenn auch nicht akzeptiert.
In meinen Gefühlen bist Du lebendiger denn je, lasse ich nicht ab von Dir, als wärst Du leibhaftiger Teil von mir. Das warst Du ja auch. Ein solcher Verlust schmerzt sehr.
Schlimm ist zudem, dass Du die Freude aus meinem Leben mitgenommen hast. Als ob ein Mensch allein zur Freude unfähig wäre, habe ich das Gefühl dafür verloren. Dabei kam mir auch die Fähigkeit zu feiern abhanden. Festlichkeiten fliehe ich geradezu. Weil Du mein All und Alles warst, meine (bessere) Hälfte ausgemacht hast, fühle ich mich nun nur noch wie ein halber Mensch.
Vieles bleibt einfach liegen, als ob Du irgendwann wiederkämst, um aufzuarbeiten, was sich angesammelt hat. Das ist das Trügerisch an Deiner Nähe, sie ist nur von mir gefühlt, eigebildet sozusagen, nicht Tatsache, doch festgehalten gegen jede andere lautende Wirklichkeit. Dein Platz wird weiterhin freigehalten, als könntest Du jeden Augenblick den Schlüssel im Schloss umdrehen und vor mir stehen.
Wie oft bin ich dieselben Wege gegangen, die wir gemeinsam zurückgelegt hatten, schloss für Momente die Augen und lauschte auf Deine Schritte neben mir. Meine Hand wollte in Deine Hand liegen, aber die meine glitt haltlos ins Leere. Mein Halt schien mir Dir verloren gegangen und beinahe alles, worunter ich einmal den Sinn meines Lebens verstanden hatte.
Wie mühsam ist es, neue Wege zu gehen, wenn man an das Altvertraute gewöhnt ist wie an seine bequemsten Schuhe. Es ist ungleich schwerer, seinen eigenen Weg zu finden, als sich einen Pfad durch den Dschungel zu bahnen.
Einige Male wollte ich dem Rat wohlwollener Mitmenschen und meinem eigenen Verstand gehorchen und mich nach einem “Ersatz“ für Dich umsehen. Es gibt viele alleingelassene Menschen. Doch auch da die schmerzliche Erkenntnis:
Man kann nicht den Menschen gegen einen anderen eintauschen. Selbst Tiere sind unterschiedliche Wesen innerhalb einer Art, um wie viel mehr sin es die Menschen.
Am schlimmsten sind die Nächte mit ihren Träumen. Als wäre nichts gewesen, tauchst du in ihnen vor mir auf und wir leben miteinander wie vorher. Wenn das Erwachen kommt, beginnt jeder Tag mit Tränen. Der Platz neben mir ist für immer leer; kein vertrautes Atmen in den Nächten, kein Vergewissern mehr. Ja, du bist da und alles ist gut.
Es ist, als ob der Tag kein Licht und die Nacht nur Dunkelheit zustande brächte. Es ist egal, ob ich schlafe oder wache; wen kümmert es, ob ich hier bin oder nicht? Niemand tröstet, die trostlos weinen.
Den Blumen habe ich kein Wasser mehr gegeben; sie vertrockneten ebenso wie ich. Ich mochte auch nicht aufräumen, wen kümmert es denn, wenn das Chaos wächst? Was kann ein halber Mensch noch bewirken, wenn er seine andere Hälfte verloren hat? Und dann die quälenden Fragen nach Schuld und Versagen, das Verlangen nach unsterblicher Vollkommenheit…
Dann kam ich zu der Einsicht ins Unabänderliche. Aus Erschöpfung fielen mir die Waffen aus der Hand, mit denen ich gekämpft – verloren hatte.
Als so etwas wie zartes Gras über Wunde und Schmerzen zu wachsen begann, wuchs auch etwas wie Demut in mir und meine Hände schienen sich zum Loslassen zu öffnen.
Ich will mich nicht länger anklammern; schliesslich leben wir fortan in zwei verschiedenen Welten.
Nach und nach nehme ich dieses Schicksal – oder wie es man es nennen soll – hin. Es war harte Arbeit, einen Steg zu bauen, mit dessen Hilfe ich über den Abgrund gelangte.
Das ich nun endlich Ja sagen kann, befreit mich sehr und mehr von meiner Trauer und lässt mich zu sehen aufleben. Anfangs wollte ich mit nicht die kleinste Erleichterung gönnen, wie, um mich noch zusätzlich zu bestrafen. Heute respektiere ich meinen Schmerz, weil ich ihn inzwischen aus einer grösseren Distanz beurteilen kann. Ich bin nicht an ihm zerbrochen, ich bin an ihm gewachsen.
Ich habe Augen bekommen für Menschen um mich herum und für die Tatsache, dass die meisten von ihnen an etwas Leidvollem kranken und dass Trauer sogar blind macht. Ich fühle mich wie ein Baum, der sein Äste grenzenlos in die Luft wachsen lassen könnte.
Auch Bäume wachsen ja an Widerständen vorbei. Meine Selbstständigkeit hat zugenommen, ich stehe nicht mehr wie auf Deinen Füssen, um mich weiter tragen zu lassen. Ich habe gelernt, selbst für mich einzutreten, und dass auch allein stehendes Leben wertvoll wie ein Edelstein ist, wenngleich ich für diese Kostbarkeit immer noch nach der endgültigen Fassung suche.“
Helma Brandenburger